Ich habe “Feuchtgebiete” von Charlote Roche gelesen und fand es wunderbar!

Am Osterwochenende habe ich mir also das Buch gekauft, das in den letzten Wochen von jeder Feuilleton- Seite besprochen und um es ein zu ordnen, zur große Ekelprovoaktion ernannt wurde und mit dem Stefan Raab in seiner Sendung, durch den Ekel angetörnt grinsend (das unterstell ich ihm jetzteinfach mal), vorexerziert, dass man ja keine Seite aufschlagen könne ohne Worte wie “Fotzenfleisch” lesen zu müssen. Dieses Buch habe ich mir also für die feiertägliche Ruhe an Ostersonntag und -montag besorgt.

Und ich muss sagen: I love it! Danke Charlotte Roche, dass du das gechrieben hast!

Ja, dieses Buch provoziert. Ja, es ist stellenweise richitg eklig. Ja, man muss in hoher Frequenz Worte wie Fotzenfleisch, Muschi, ficken, Blut, Kackschwitze usw. in den eigenen Gedankenmund nehmen (ich hab’ das teilweise sogar vorgelesen…!). ABER, was Stefan Raab außer Acht lässt, ist dass das besagte Fotzenfleisch beispeilsweise an einer Stelle auftaucht, an der eine Prostituierte der Protagonisitn Helen erklärt, dass sie, wenn sie ihre Tage Sponges statt Tampons benutzt um trotzdem arbeiten zu können, da die Männer diese Sponges nicht spühren, weil die sich eben genauso anfühlen wie Fotzenfleisch. Also, hallo, was werden hier denn bitte für geilel Themen angesprochen! Ja, das Buch ist provokant, stellenweise sogar so eklig geschrieben, dass mir fast zuviel wurde. ABER es thematisiert wunderbar undogmatisch und unprätensiös feministische Themen, Fragen zu Weiblichkeit und Frausein, zu Schöhnheitszwang in all seinen Ausprägungen und das Verhältnis zum eigenen Körper, zur eigenen Sexualität.

Indem Charlotte Roche Helen so krass mit ihren Körperflüssigkeiten rumsiffen lässt, dabei ihre Freude alles genau zu begutachten und ihre Neugier alle Körperfunktionen zu untersuchen und genau zu verstehn, beschreibt, ruft sie zu mehr gelassener Natürlichkeit auf. Ich finde es höchst entspannend zu lesen welche Ekelexperimente Helen Memel mit sich, ihren Körperflüssigekeiten und ihrem Sex durchführt. Bei mir kam nach dem “Schluck! Buha, ich muss mich abgewiedert abwenden, wenn ich soviel über das Peroidenblut einer Fremden höre” immer direkt ein Aufatmen. Das Gefühl, dass dieses Mädel mit der Liebe zu Sekreten und der riesigen Lobido doch recht hat: es is’ doch echt alles natürlicher, als uns die ganze Zeit suggeriert wird! Man kann ruhig mal etwas mehr vom gesellschaftliche verordneten Hygiene- Wahn abstand nehmen und muss sich und seine Lust nicht unter diesen komischen Reinheits-, Perfektionszwang unterwerfen! Kurz gesagt: eine Muschi ist eine Muschi, liegt zwischen den Beinen, dort wohnen Schleimhäute, die verschiedene Säfte produzieren und: da muss es nicht nach künstlichem Blumenduft riechen!!! Hinter all den Schmuddelszenarien hat Roche mich dazu gebracht mal wieder darüber nach zu denken welchen Zwängen ich meinen Körper unterwerfen und mir so Komplexe züchte. Ich habe dieses Buch als Appell für einen freien, zuckersüßen, spaßbringenden, emanzipierten, unverkrampften Umgang mit weiblichen Körpern und Sex gelesen. Generell richtet sich dieser Appell nach meiner emazipiert, feministischen Meinung an beide Geschlechter. Es macht allerdings Sinn Frauen stärker anzusprechen, da Weiblichkeit, weibliche Körperlichkeit und v.a. weibliche Sexualität stärkeren Zwängen unterworfen ist. Mein Lieblingshassgegenstand zu diesem Thema: die parfürmierte Slipeinlage. Hallo!? Muschis dürfen nach Muschi riechen und stinken nicht sobald sie nciht parfümiert sind! Ach, und generell, wie oft hab ich Männer schon stinken riechen und wie besorgt kämpfen Frauen mit allen möglichen Präperaten gegen Körpergeruch (Geruch, wir sprechen nicht mal von Gestank!) an jeglichen Stellen. Und ich hätte nich mehr solcher vergleiche auf Lager…

Ich finde es wunderbar, wie Charlotte Roche in ihrem Erstling Themen wie das Verstehen des eigene Körpers, sexuelles Selbstverständnis und -bewußtsein, Hyghienewahn und Mädchensein anreißt! Sie hat mich zum Nachdenken gebracht. Um meine Gedanken anzustoßen war es gerade gut, dass vieles nicht völlig besprochen sondern nur angedeutet blieb. Und ganz oft musste ich während der Lektüre denken: “Wie verdammt richitg Du im Kopf bist, Charlotte!”.

Für jeden der n bißchen Ekel abkann und Interesse hat über das, was hinter den Szene steht nach zu denken, ein tolles Buch. Empfehlenswert!

Charlotte Roches Buch beschrieben in 616 Wörtern.

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3 Comments on “Ich habe “Feuchtgebiete” von Charlote Roche gelesen und fand es wunderbar!”

  1. Birtschi Says:

    Unverblümt und ungeniert, wortgewandt und witzig, temporeich und bildlich bekommt der Leser hier eine Geschmacks- und Geruchslektüre, die ihresgleichen sucht, ohne dass bislang jemand danach gesucht hätte!

  2. anie Says:

    gut gesagt, birtschi!

  3. anie Says:

    ich möchte jedoch hinzufügen, dass ich es gut finde, dass roche dem leser diese leseerlebnis (-vergnüngen möchte ich nicht uneingeschränkt sagen… ;) bereitet, denn ich stimme dem bei dir gelsenen kulturnews- zitat zu:
    “…eigentlich setzt Roche mit ihrer Heldin nur um, was bereits seit ´68er in Sachen Gleichberechtigung von Frauen gefordert wird…”

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